Tandemfahrten

Ich fahre Tandem- bildlich gesprochen. An den Wochenenden bin ich bis vor Kurzem oft bei meiner Familie gewesen und habe verschiedene Aktivitäten mitgemacht. Mit meiner Mutter war ich beim Pferd, mit meinen Großeltern zusammen im Garten und beim Essen, mit meinem Papa hole ich mir Nähe, er kann mich so gut umarmen wie kein Zweiter, mit meiner Stiefmama beim Shoppen oder Quatschen, mit meinem Freund beim Essen oder Fernsehen, bei der Arbeit zog ich mit, einen Beitrag in Dienstbesprechungen zu leisten war jedoch utopisch, mit meinen Freunden habe ich den Alltag mit Kind miterlebt. Die Liste ist lang.

Mein Platz auf dem Tandem ist hinten. Ich trage zum Vorwärtskommen bei, bin windgeschützt, trage lediglich die Verantwortung der beratenden und nicht in der entscheidenden Rolle und kann ja auch sonst jeder Zeit absteigen, weil ich für die Tour nicht essentiell bin- denke ich.

Ich kann mein Herz genau so an die Tour hängen, wie mein Vordermann. Jedoch wird letztendlich immer er und nicht ich den Lenker fest umschlungen halten und in die Richtung steuern, in die er fahren möchte. Und ich füge mich. Ich sitze hinten, merke wie ich unzufriedener werde und absteigen müsste. Denn; kurze Fahrten sind hinten absolut wertvoll, aber auf Dauer ist es für mich, sowie den Vordermann eine Tortour.

Ich habe die Verantwortung für mein Leben abgegeben und irgendwie passiv erwartet, dass jemand anders sie übernimmt.

Vor einer Weile bin ich nun vom hinteren Platz eines Tandems abgestiegen, weil ich gar nicht mehr wusste, wer eigentlich fährt. Da stand ich nun völlig verloren und ohne Plan. Ich habe mich dann entschieden, mir mein eigenes Tandem zuzulegen und selber vorne am Lenker zu sitzen.
Eine Sache habe ich nicht bedacht; ich bin noch nie alleine gefahren. Der Vordermann hält das Gleichgewicht, hat keine Orientierungsperson vor sich, der Lenker vorne fühlt sich viel wackeliger an als der Lenker hinten und er entscheidet auch wirklich, wohin es geht- ganz im Gegensatz zum fixierten Lenker hinten.

Die ganze Welt ist plötzlich sichtbar, so viele Möglichkeiten, im Grunde ist gerade alles möglich. Verdammt!
Ich habe Angst. Ich habe so viel Angst auf einmal selbst für mich sorgen zu sollen dass ich absteige. Atmen. Einfach nur mal kurz wieder atmen können…

Seit dem laufe ich planlos durch die Welt, schiebe mein Tandem neben mir her. Um etwas zu erreichen beziehungsweise mich überhaupt auf den Weg zu machen, brauche ich ein Ziel. Ich brauche eine Vision, ein Gefühl, das ich beim Gedanken an mein Ziel spüren möchte. Etwas, das mir emotional wichtig ist und mich anspornt mein Tandem zu fahren.
Das habe ich gerade nicht. Ich schleppe also mein Tandem mit mir herum und befinde mich in einer Situation zwischen zwei Wegen. Es ist anstrengend ein Tandem mitzuschleppen, ohne es fahren zu können. Viel zu anstrengend…

Ich will gerade bei niemandem mitfahren, bei dem ich schon mal mitgefahren bin… Denn; was ist, wenn ich wieder aufsteige, mein Leben wird wie vorher und nach gewisser Zeit stehe ich wieder da, wo ich jetzt stehe? Ich weiß wieder nicht, auf wessen Tandem ich eigentlich noch sitze und wieder übergebe ich die Verantwortung wem anders. Für mein Leben. Nein. Nein, das geht nicht mehr. Ich will das nicht mehr.

Ich glaube, ich beiße lieber jetzt einmal die Zähne zusammen und lerne mein eigenes Tandem zu fahren, um auch wieder auf andere aufsteigen zu können.
Dann jedoch mit einem kleinen, aber essenziellen Unterschied: Ich habe die Option, jeder Zeit auch wieder auf mein Tandem zu steigen und nicht auf dem eines Anderen bleiben zu müssen, einfach, weil ich keine Alternative sehe.

Bis vor ein paar Stunden empfand ich meine aktuelle Situation als absolute Sackgasse. Meinen bisherigen Lebensweg will ich nicht weitergehen und einen neuen Weg habe ich nicht im Gepäck. Ganz schön Aussichtslos.

Jetzt denke ich, das ich nur eines machen kann, was mir aus dieser Sackgasse heraus hilft: Ich setzte mir ein Gefühl als Ziel.
Was will ich fühlen, wenn ich an meine Zukunft denke?
Welche von den Dingen, die ich tue und erlebe, werden am Ende meines Lebens wirklich Dankbarkeit und Frieden in mir hervorrufen?

Meinen Lebensweg werde ich erst beschreiben können, wenn ich hier auf der Erde fertig bin. Zu glauben, ich bekomme eine Anleitung und gehe diese Schritt für Schritt durch bis ich sterbe war unlogisch.
Wenn ich ein neues Rezept kreiere, dann habe ich Anfangs lediglich eine grobe Vorstellung davon, auf welchen Geschmack ich Appetit habe und welche Zutaten dazu passen könnten. Beim Kochen selbst entwickelt sich erst das Rezept, sodass ich es nach Fertigstellung des Gerichtes nennen kann.

Ähnliches verhält es sich mit dem Leben, denke ich.

Ich setzte mir ein Ziel, was ich fühlen will. Was berührt mich emotional wirklich tief in meinem Herzen? Dieses Gefühl wird dann zu Norden auf meinem Lebenskompass.

Erst am Ende kann ich den Weg Schritt für Schritt benennen, denn machmal haben gewisse Zutaten, mit denen ich fest plane keine Saison, sehen nicht appetitlich aus, oder ich vertrage sie ganz einfach nicht.

Deshalb bleibe ich offen, lege nur grob das Ziel fest und erreiche so mein eigenes, authentisches und vor allem lebenswertes Leben.

Ich gebe mir Mühe, Menschen nicht abzuwerten- egal, wo sie stehen.
Ich versuche mein Bestes, das ihr Bestes zum Vorschein kommt.
Denn nur so kann ich das auch bei mir tun, ohne einen inneren Konflikt auszulösen, der wiederum zum äußeren Konflikt führt.

Danke, liebe Familie, dass ihr so geduldig mit mir seid.
Danke, liebe Freunde, dass ihr mir zugewandt bleibt.
Danke, dass ihr alle in meinem Leben seid und mich akzeptiert.

Ich möchte diesen Artikel meinem Vater widmen.
Er hat mir vor vier Tagen ein Herz gesendet und damit irgendwie den Anstoß für diesen Artikel geliefert.
Danke, dass du da bist und mir das auch zeigst.
Danke Papi, Du bist der Beste ❤️

28. Februar 2020