Scham

Du begleitest mich Tag für Tag, in fast jeder Situation. Meine Gedanken drehen sich ziemlich ausschließlich um dich; was ziehe ich an, damit meine Schweißflecken nicht sichtbar sind? Bei welchen Oberteilen sind die Ärmel lang genug, sodass ich sie beim Schreiben über meine Hände ziehen kann? Wie werden die Sitzgelegenheiten sein, auf denen ich bei Therapien, in Wartezimmer, im Arztzimmer, bei Freunden und bei der Arbeit sitze? Sitze ich auf Plastik, dann schwitze ich schon mal eine Hose durch, oder hinterlasse einen Kondenswasser-Abdruck beim Aufstehen. Vielleicht kann man sich denken, wie unangenehm, das Gefühl ist.
Wie sitze ich gemütlich bei Freunden auf dem Sofa, ohne meine Hände und Füße direkt mit drauf zu haben, da dann das Polster feucht wird und sie es ggf. merken und ich in Erklärungsnot gerate bzw. mich die Scham volle Kanne packt? Wie kann ich auf Bildern immer so stehen, dass man meine linke Gesichtshälfte sieht und nicht die rechte, weil die mit der Zahnfehlstellung (sichtbar beim Lächeln) und dem kleineren Auge nicht so attraktiv ist? Wie kann ich meine Hände am besten verstecken, damit man meine im Moment extrem abgekauten Nägel nicht sieht? Ich schäme mich, Menschen anzufassen, weil´s eklig ist und ich Angst vor deren Reaktionen habe. Ich schäme mich in der Gruppe etwas zu sagen, weil ich durch meine Angst im Kopf keinen klaren Gedanken fassen kann und nichts „Gutes“ oder wirklich Durchdachtes zu einem Gespräch betragen kann.

Mein sympathisches Nervensystem ist dann daueraktiv und mein Körper im Grunde gar nicht in der Lage zu Denken- er überlebt gerade lediglich.

Ich laufen dann den ganzen Tag quasi mit eingezogenem Kopf herum, weil ich nicht an meine Arbeit im Dienst und mein Handeln im Alltag glaube und denke, die „mangelhafte“ Arbeit holt mich immer wieder ein. Ich sauge zum Beispiel auch immer meine Wohnung, wenn jemand vorbeikommen will, da ich mich für den Zustand meiner Wohnung schäme. Auch, wenn es mir selber völlig egal ist, ob dort ein paar Staubmäuse herumfliegen- und meinen Freunden übrigens aus. Ich denke, das wenn es hier nicht aussieht, wie es nun mal auszusehen hat, dass ich dann meinen Platz in der Gesellschaft verliere und abgestuft werde. Das ich weniger Wert bin, einfach nur, weil ich es nicht schaffe Ordnung zu halten und mich um meinen Dreck zu kümmern. Kann man ganz gut auf mein Leben übertragen, denke ich.

Ich schäme mich im Grunde für fast alles, was ich tue, was zu mir gehört, was ich nun mal gerade bin.

Diese Gedanken sind alle den ganzen Tag da, weil ich es mit allen Mitteln vermeiden möchte, dich zu fühlen, liebe Scham. Ich denke das alles deinetwegen und das geht nicht. Wo bleibe denn dann ich?

Ich baue mir selber lieber ein Konstrukt aus Verhaltensweisen und Denkmustern, setzt mich unheimlich unter Druck, das alles auch immer zu bedenken und einzuhalten, sodass ich eigentlich nur noch gestresst bin und es vielleicht fast schon weniger schlimm wäre, dich einfach mal kurz zu fühlen, als alles dafür zu tun, dich nicht zu fühlen.
Wie aber soll ich Abstand von dir nehmen, wenn sich bestimmt 85% meiner Gedanken am Tag nur um dich, beziehungsweise um die Vermeidung Deiner drehen?
Du bist ein so großer Aspekt von mir, dass ich dich fast als Teil meiner Persönlichkeit bezeichnen würde.

Ich dachte lange, ich sei ein Mensch, der sich durch Angst definiert. Dass ich eine ängstliche Persönlichkeit bin. Nun glaube ich viel mehr eine „schamhafte“ Persönlichkeit zu sein und das die Angst eigentlich nur an zweiter Stelle steht.

Was ist das Einzige, liebe Scham, das dich etwas kleiner werden und nicht mehr dieser riesen, rote Fleck in meinem Körper sein lässt?
Ich umarme dich. Du bist ein Teil meiner Gefühle, den ich fühlen kann. Ein Teil, den ich sehe und akzeptiere. Nur lerne ich jetzt, dich auch wieder loszulassen. Du kommst, erhältst Aufmerksamkeit und dann gehst du wieder. Du bestimmst nicht mehr mein Handeln, bist kein Dauerzustand.
Und ich teile Dinge, die dich zum Vorschein bringen mit meinen Mitmenschen, da du nur kleiner wirst, dich von mir distanzierst, wenn ich dir nicht mehr meine volle Energie zukommen lasse und ein riesen Geheimnis aus dir mache.

Ich löse unser privates und geheimes Verhältnis dadurch auf, dass ich Menschen von deinen Auslösern erzähle und somit die Intensität Dieser im Vorwege mildere.

Das wird nicht die Kassiererin und es werden wohl auch erstmal nicht die Kollegen sein. Aber es können alle meine Freunde sein und nicht mehr nur zwei Auserwählte plus Familie und die Restlichen wissen halt, dass ich manchmal, etwas mehr schwitze als andere Menschen. Ich erkläre (und zeige ggf. auch, denn die meisten können sich so etwas einfach nicht vorstellen und tun es als „Ja, jeder schwitzt halt“ ab) explizit das Ausmaß und lüge mir nicht selber was vor, in dem ich das kurz erwähne und Andere in dem Glauben lasse, dass ich halt keine T-Shirts trage, aber sonst alles Tutti ist. Der Vorteil, wenn ich wirklich ehrlich zu meinen Freunden/Mitmenschen bin ist, dass ich mich verbundener fühle. Ich lasse mich wirklich auf Menschen ein und schaffe Vertrauen, was mir wiederum sicherlich bei meiner Depression nützlich sein wird.

Liebe Scham, es ist Zeit für dich, dir einen neuen Platz zu suchen. Du darfst gerne zu Besuch kommen und wieder gehen, wenn du den Grund für deinen Besuch kundgetan hast. Du hast deine Berichtigung in meinem Leben, aber du bestimmt nicht über meine Gedanken und mein Verhalten, das tue ich jetzt. Danke, dass du so lange und so eng bei mir warst und die Stellung gehalten bist.
Jetzt bin ich auf der Bühne und du kannst deinen Platz im Publikum einnehmen.

Ich möchte diesen Artikel meiner Therapeutin widmen.
Sie hat im letzten Therapiegespräch die „Hausaufgabe“ gestellt, einen Abschiedsbrief an mein Scham-Gefühl zu schreiben.
Danke, liebe Therapeutin, Sie sind die Beste ❤️

15. März 2020