Wundervoller Schmerz

Klassik. Ich fand Klassik als Kind fürchterlich. Wozu braucht man diese tiefen, bedrohlichen Töne? Kann nicht alles auch mit einer wohl klingenden Klarinette erzählt werden? Das Positive sehen, heißt es doch immer…?

Ich wachte an einem Samstag um 7 Uhr auf. Ich hatte einen Albtraum. Meine Schwester und ich fahren mit Opa im Auto- wir hinten, er am Steuer- kurz vor dem Ziel beugte ich mich vor, um zu erhaschen, ob ein Anschnallzeichen leuchtet, wenn ich mich wenige 100 Meter vor dem Ziel abschnalle. In dem Moment, als ich drückte, fasste sich Opa an die Brust und stöhnt. Er verziet das Gesicht und schaffte es gerade noch zu Bremsen und den Wagen leicht nach rechts in eine Bushaltestellen-Einbuchtung zu lenken. Es ist für mich klar: sein Herz. Er steigt aus, geht ums Auto und vor der Motorhaube kann ich ihn gerade noch auffangen  und sanft zu Boden begleiten. Ich sage meiner Schwester sie sollen einen Rettungswagen holen und versuche dann die Ruhe zu bewahren, halte Opas Hand ganz fest. Völlig geschockt schlage ich die Augen auf versuche meine völlig zusammengezogene Brust wieder zu entspannen. Nur ein Traum, sagte ich mir, dann kullern die Tränen. Noch vor zwei Wochen habe ich die Schule geschwänzt und bin zu meine Oma ins Krankenhaus gefahren, sie war einen Tag zuvor gestürzt und musste nun zu weiteren Untersuchen dort bleiben. Die Tür aufzumachen und seine sonst so fidele, Jung gebliebene Omi im weißen Krankenhausbett zu sehen war ein Schlag. Ein Schlag in den Magen…  Sechs volle Stunden blieb ich bei ihr, wir unterhielten uns und genossen die Zeit, ich fuhr mit ihr zum Röntgen und half ihr mit dem Klostuhl ins Bad zufahren. Was war passiert? Gerade noch hatte Omi meine Schwester und mich auf dem Weg in den Urlaub abgehalten, weil ich einfach nicht im Freien Pinkeln konnte- alleine- ohne mir die Schuhe zu versauen. Gerade noch waren die Beiden (Omi und Opi) mit den Fahrrädern im Urlaub und haben ein Jahr lang auf dem Campingplatz bzw. in einer Ferienwohnung gewohnt! Mit über 70! Also wie kann es sein, dass so jemand nun plötzlich da lieg. Die Augen schwer, der Blick voller Liebe, froh in Gesellschaft zu sein, dennoch nicht dieses Ego in sich. Einfach schlafen können, denn ich erwarte keine Gegenleistung von ihr, nur, weil ich da bin. Ich bin da. Immer.

Ein, vielleicht zwei Tage später stehe ich mit Opi im Gartenhaus, Omi ist noch im Krankenhaus. Er sagt: „Du, im Grunde ist das Mist. Das alles hier… schaffe ich nicht alleine. Wenn Omi geht, gehe ich auch. Wir waren nie getrennt. Das würde mich zerreißen. Aber du sagst das doch keinem…?“ Ich schüttle den Kopf und kämpfe mit den Tränen. Anders als in der Situation laufen sie jetzt schon fast beim ganzen Text- das Spülprogramm der Seele. Und das tut gut. Denn, mit dem Leben, ist es wie in der klassischen Musik. Erst durch die Tiefen, kommen die Höhnen zum Vorschein. Andersherum genau so. Mit Gefühlen habe ich so meine Probleme, Trauer und Verletzung kann ich fühlen, ich kann sie richtig leben. Bei Freude fällt es mir schwer nicht abzurutschen. Nicht abzurutschen in die Abwärts-Spirale… Das Bewusstsein der Endlichkeit auf Erden lehrt mich im Moment gehörig das Leben. Jede verdammte Sekunde dafür zu sorgen, dass es mir gut geht und das für mich beste aus der Situation herauszuholen- verdammte Scheiße…ist das Kräftezehrend. Und gibt gleichzeitig unheimliche Energie! Ich freue mich über meine Angst, über meine Einsamkeit, über meine Zweifel, über meine Schüchternheit, über meine Feigheit, über mein ständiges Denken und analysieren. Das alles schließe ich in meine Arme. Drücke es fest an mich. Jeder einzelne Gedanke ist ein Teil meiner Selbst, jeder Teil macht mich aus. Das bin ich. Und sobald ich anfange mich zu akzeptieren, mich zu lieben und zu umarmen ist die Welt nur noch halb so böse, denn ich bin froh fühlen und erleben zu dürfen. Nur so habe ich die Chance in meinem Leben etwas zum besseren zu verändern, es als einen Teil von mir zu sehen und anzunehmen. Den inneren Kampf aufzugeben. Und mich dennoch in Schwindel erregender Geschwindigkeit weiterzuentwickeln und mich unheimlich darüber zu freuen.

Jeder Körper ist vergänglich. Die Seele, das Wesen jedoch lebt in den Mitmenschen weiter. Keiner von uns braucht jemals Angst zu haben vergessen zu werden, denn jeder, Du und Ich, gibt ein Stück Selbst und bekommt dafür unendlich viel. Und so wie Opi im Traum noch so Pflichtbewusst war und in die Haltestelle fuhr, so habe ich mir am Samstag um 7 Uhr die Sofort-Maßnahmen für einen Herzanfall angeeignet. Einen Traum zu träumen, ohne etwas draus zu lernen? Tatenlos sein? Undenkbar als Enkelin dieser Großeltern. Ich liebe Euch.

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